Ich bin ja viel allein unterwegs auf meinen Wanderreisen: Ich wandere allein, gehe allein essen, baue mein Zelt allein auf und campe -- oft mutterseelenallein –- mitten im Outback. Das ist zumindest ungewöhnlich für eine Frau, insbesondere für eine, die, nun ja, nicht mehr ganz jung ist. Manchmal fragen mich einige von Euch, ob ich mich denn niemals einsam fühle, Angst habe oder auf meinen Reisen Selbstgespräche führe. Letzteres passiert auf jeden Fall häufig –- aber das soll ja von geistiger Gesundheit zeugen!
Einsamkeit ist natürlich kein schönes Gefühl. Ich allerdings fühle mich beim Reisen eher selten einsam. Das war nicht immer so: Als junge Frau in den 20ern konnte ich gar nicht gut allein verreisen. Ich fühlte mich oft beobachtet und sah das Alleinsein als einen Makel an, den andere Menschen gleich an mir bemerken müssten. Unter Menschen, die ich nicht kannte, war das Gefühl von Einsamkeit übrigens deutlich stärker, als wenn ich komplett allein war.Einsamkeit ist also nicht immer das Ergebnis des Alleinseins. Und ich habe gelernt, Alleinsein zu schätzen.Warum hat sich das verändert?Nun, das hat sehr viel mit der eigenen Wertschätzung, gemachten Erfahrungen und vielleicht auch mit einem gewissen Alter zu tun! Und die innere Bereitschaft oder ein innerer Drang, alleine zu reisen, sollte schon vorhanden sein: Das Streben nach Unabhängigkeit, gepaart mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust, ist eine Voraussetzung, um überhaupt alleine loszuziehen.
Das Alleinsein genießen, geht das wirklich? Kann man Alleinsein lernen? Ich denke schon. Zumindest bei mir war das der Fall, dabei hatte ich dergleichen nicht geplant. 2017 war ich mich das erste Mal notgedrungen allein Wandern in den USA, um Wandertouren für mein Kalifornien-Buch zu recherchieren und zu erwandern. Mann, was hatte ich die Hosen voll: Ich fragte mich, was wäre, wenn mir etwas passieren würde beim Wandern, schließlich hatte ich auch einige Touren „off the beaten path“ vorbereitet. Was, wenn ein Bär des Weges käme? Was sollte ich bloß an den langen, dunklen Abenden tun, so ganz allein? Und mit wem sollte ich den ganzen Tag reden, außer mit mir selbst?
1. Es war so großartig, meine Zeit selbst einteilen zu können. Ich konnte losziehen, wann immer ich das wollte und auch beim Wandern mein eigenes Tempo gehen, ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen.
2. Ich hatte allerdings jeden Tag etwas vor (Wandern und/oder Fahren) und musste mir auch abends häufig neue Unterkünfte suchen. Daher war ich permanent beschäftigt, musste Entscheidungen treffen und sah ständig etwas Neues.
3. Ich war auf einmal als Alleinreisende viel offener anderen Menschen gegenüber als sonst. Klar, man ist ja darauf angewiesen, mit anderen zu sprechen. Ich lächle mehr, spreche auch mal selbst Menschen an und werde viel mehr angesprochen. Hierfür sind die USA allerdings auch ein sehr dankbares Reiseland.
4. Dieses komplett auf sich allein gestellt sein hat mich stärker gemacht: Ich war stolz darauf, Dinge allein gemeistert zu haben: In meinem Fall einsame Wanderungen, lange Autofahrten, die Suche nach Unterkünfte und andere, auch wirklich schwierige Situationen.
Alleinsein
genießen zu lernen, ist tatsächlich möglich -- anstatt von Einsamkeit kann sich
dann ein sehr beglückendes Gefühl von Freiheit einstellen,
einfach so. Da ist natürlich immer Luft nach oben. Für mich ist das ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist und es
vermutlich auch nie sein wird. Manchmal hocke ich abends neben meinem Zelt und höre
lautes Lachen von anderen Plätzen oder sehe Menschen um das Feuer sitzen und
intensive Gespräche führen. Dann bin ich neidisch und fühle mich für einen
Moment lang einsam. Am nächsten Abend lerne ich dann vielleicht meine neuen
Zeltnachbarn kennen, die mich auf ein Bier zu sich einladen und
schon ist die Situation einen andere. Oder ich bin allein in der Pampa,
lausche dem Rauschen des Flusses und beobachte die wilden Truthühner, die träge
im Gras nach Insekten suchen. Ich habe gelernt, dass Einsamkeit ein Gefühl ist,
das kommt und geht -- es ist aber kein Zustand, der bleibt! Wer das akzeptiert, kann mit Einsamkeit besser umgehen.
Ich
bin mittlerweile ein bisschen süchtig nach dem guten Gefühl von Freiheit und
Unabhängigkeit. Und dem Erlebnis, einen ganzen See oder Berg nur allein für mich zu haben. Nach der Freude, eine schwierige Wanderung allein geschafft zu haben. Nach jeder gemeisterten Herausforderung bin ich ein klein bisschen anders: stärker, unabhängiger sowie erfahrener. Es passiert daher auch selten, dass jemand versucht, mir blöd zu kommen oder mich über den Tisch zu ziehen.
Für
alle von Euch, die schon immer mal allein reisen wollten, sich aber bislang
nicht getraut haben, ist es wichtig zu wissen, dass man auch hier mit seinen
Herausforderungen wächst. Das bedeutet: Was mir vor vier Jahren noch
Kopfzerbrechen bereitet hat, ist heute selbstverständlich. Sich im Vorwege die Frage zu beantworten, wie man es mit sich selbst aushält, sollte auf jeden Fall am Anfang stehen. Welche Faktoren könnt Ihr selbst beeinflussen, damit der Solotripp nicht zum Albtraum wird:
- Vorbereitung
- Sprachkenntnisse (Sprache des Reiselandes)
- Kenntnisse von Kultur und Gesellschaft
- Mindset
Lest Euch gern auch einmal meine Erfahrungsberichte vom Solowandern in der Sierra Nevada und allgemeine Tipps zum Soloreisen als Frau in den USA durch.
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